#NoNahles

Wie denkt Andrea Nahles?

Im „Vorwärts EXTRA“ (01/02/2018) der Beilage zum „Vorwärts“ diesen Monats, ist ein Interview das Karin Nink, die Chefredakteurin des „Vorwärts“ mit Andrea Nahles geführt hat.
Die erste Bildunterschrift lautet „Andrea Nahles versteht die Skepsis und Sorgen der Mitglieder um die Partei“.
Auf diesen Satz, der sich liest wie „Der heilige Vater versteht die Not der Menschen in der Diaspora“, könnte man reagieren mit einem „Dann ist ja alles gut“ und sich uninteressiert abwenden, aber – schauen wir uns das Gespräch mal genauer an, schliesslich soll Frau Nahles der SPD vorsitzen.

Der Subtitel lautet:
Andrea Nahles – Die SPD muss die Vergangheit hinter sich lassen und sich neu erfinden. Dazu bedarf es der Unterstützung aller Mitglieder.

Das hat mich stutzen lassen. Frau Nahles braucht die Unterstützung der Mitglieder. Ist das so? Braucht sie unsere Unterstützung weil sie die SPD ist?
Oder … brauchen wir ihre Unterstützung, weil wir die SPD sind und sie eine Funktionärin?

*

Dieser Artikel ist mit „NoNahles“ überschrieben und es ist, das gebe ich zu, immer sehr problematisch eine Person anzugreifen, da wo man eine Position oder eine Haltung meint. Und sicher, Frau Nahles ist nicht „das“ Problem, sondern eher das Symptom eines Problems vieler Parteien, für das wiederum die SPD sehr typisch ist.
Die derzeitige Führungsschicht der SPD ist das Beispiel einer „erlebnissarmen“ Politkaste, zwei Generationen nach den Kriegsteilnehmern/Gefangenschaftsheimkehrern des vergangenen Jahrhunderts, eingebetet in einen sicher nicht allgemeinen, aber doch sehr breiten Wohlstand.
Selbst also ohne die vermutlich fundamentalen Erfahrungen von Krieg und Hunger, aber doch geboren als PC und Smartphone noch keine Rolle spielten. Die Generation Nahles „hängt dazwischen“, nicht mehr „gezeichnet“  und noch nicht „cool“.

Leute, dieser Über30-Unter50er-SPD, Menschen die gerne vom „Arbeitnehmer“, von „Niedriglohngruppen und von der Wichtigkeit von Gewerkschaft reden, aber selbst noch nie äusserhalb der Politik gearbeitet haben. Berufspolitiker von Anfang an.  Stellvertreter eines Volkes aus dem sie kommen, das sie aber vorwiegend von Wahlveranstaltungen her kennen. Ansonsten bleibt man unter sich. Was weniger ein Vorwurf ist, als eine Folge dieses Berufspolitikertums.

Es ist vielleicht nicht fair, sich gegen fleissige Genossen zu wehren, die ihr Leben an die SPD gebunden haben, die lautstark für die Partei streiten, aber denen die Brillianz der politischen Ausnahmetalente fehlt. Es ist nicht fair, aber tut man das nicht, darf man sich nicht wundern, wenn die „grauen (Damen und) Herrn“ von denen Michael Ende sprach, diese Androiden der Parteibürokratie, die SPD in das seichte Fahrwasser politischer Belanglosigkeit lenken.
Die „Nahles dieser Welt“ können da soviel für, wie die Parteisolldaten der SPD-Basis die ständig „Solidarität“ brüllen um die eigenen Zweifel zu übertönen.
Man sollte nicht über Personen streiten, sondern über Inhalte – das sagen alle und es ist richtig. Aber was macht man, wenn keine Inhalte da sind, sondern nur Eigenlob?

Zurück zum Text.
Mit ihrer ersten Frage bittet Karin Nink um eine Beurteilung der Koalitionsverhandlungen aus der jetzigen Sicht (also „nach“ den Verhandlungen) von Frau Nahles.

Es folgen (im Papierformat des „Vorwärts“) sechzehn Zeilen. Elf Zeilen sind reines wortreiches Eigenlob, wie schön man das doch alles gemacht habe, auch wenn es doch so sehr anstrend gewesen sei.
Fünf Zeilen beziehen sich auf ihr eigenes Ressort.
Das wars zunächst mal.
Ist Frau Chefredakteurin enttäuscht?
Wir erfahren es nicht.

Erst auf Nachfrage spricht Andrea Nahles von Gesundheit und Altenpflege.
Soviel zur Selbstwahrnehmung der SPD-Spitzenfrau.

Frau Nahles sagt, alle würden doch „Erneuerung“ wollen, sie verstehe nur nicht, warum viele die GroKo für das Gegenmodell zur Regierungsbeteiligung hielten. Beides sei doch möglich, da sei doch kein Widerspruch.

Die Journalistin hätte nun sagen können, weil man bei einem Gebäude kein erstes Geschoss raus reißen kann, wenn da weitere Stockwerke drüber sind.
Oder, weil „Erneuerung“ die ganzen Jahre nach Schröder zwar schlecht funktioniert habe, nur in den Groko-Zeiten leider überhaupt nicht.
Oder, weil man eine Hierarchie nicht umbauen kann, wenn die Wortführer des alten Modells in der Regierung sitzen, man den Herold nicht benennen kann wenn man die Botschaft nicht kennt.

Leider sprechen die Damen über „Erkennbarkeit der Partei„, über „Gemeinsamkeiten in der Partei“ und darüber wie sich Frau Nahles als Parteivorsitzende fühlen wird.
Ja, Frau Nahles ist gut vernetzt in der SPD, sie ist gross gewerden in der SPD – eigentlich kennt die ehemalige Juso-Chefin auch nur die SPD.
Sie ist hervorragend vernetzt in der Partei, aber sie wurzelt schon lange nicht mehr im SPD-Wählerklientel, nicht in dem „kleinen Eifeldorf“ von dem sie so gerne spricht, nicht in der „werktätigen Bevölkerung“ über die sie spricht. Vermutlich ist ihr Berlin sogar näher als es Brüssel einem Martin Schulz jemals war.

Gerne würde ich einigen politischen Thesen in dem Interview widersprechen … aber ich finde keine. Es sind die gleichen Worthülsen in dem Gespräch der SPD-Frauen wie im Koalitionspapier. Was soll man sagen, wenn Frau Nahles erklärt, die SPD wolle „zum Besseren verändern“ und das unterscheide sie von allen anderen Parteien. Kann man das eigene Profil platter beschreiben?
Zur Nahles-Ehrenrettung muß allerdings gesagt werden, diesen Refrain „zum Besseren verändern“ den scheinen die SPD-Spinmaster mit ganzen Gruppen der Partei-Prominenz eingeübt zu haben.

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