Die Seele der „Linken“ (Teil 2)

Teil 2
(Link zu Teil 1: http://sozial-demokratisch.de/2017/08/21/die-seele-der-linken/ )

  • Themen
    – Unterwerfung – Unterscheidung
    – Konkrete Ziele
    – Wirtschafts – und Gesellschafts-System
    – Macht Wirtschaft glücklich?
    – Unterschied zwischen „Werte“ und „Ziele“

*  *  *

> nicht wie jene Parteien, die sich devot den Wünschen
> der Wirtschaftsmächtigen unterwerfen und gerade
> deshalb kaum noch voneinander unterscheidbar sind.

1. Was für eine traurige Selbstdefinition.
Eine, bei der versucht wird, durch ein Ausschlussverfahren
(wir sind  – „nicht wie jene“) sich selbst zu finden.
Durch Abgrenzung vom politischen Nachbarn versucht „Die Linke“ die eigene Kontur zu erfahren.
Damit gesteht man, nicht zu wissen was man will, bestenfalls zu wissen was man
nicht will. Ohne zu wissen warum man es nicht will.
Die anderen erniedrigt man („devot“ und „unterwerfen sich“) in der psychologisch leicht durchschaubaren Absicht der Selbsterhöhung.

Das mag ehrlich sein – clever ist das nicht.

2. Es hat zudem den „Sound der Dreißiger“ (des vergangenen Jahrhunderts).
Es klingt wie eine der Parole auf die Spruchbändern bei Parteiaufmärschen in Schwarzweiß-Filmen nach Erfindung des Tonfilms.
Man sieht vor seinem geistigen Auge, von übermächtigen Partei-Apparaten „mobilisierte“ Volksmassen, die sich in revolutionärer Absicht durch Straßen der Vergangenheit winden, und letztlich eine braune Machtübernahme ermöglichen.

> Wir verfolgen ein konkretes Ziel:

Ich gebe zu – das überrascht.
Sieht im Zusammenhang des bis dahin gesagten,  nur aus, wie ein untauglicher Versuch von Selbsthypnose.

>Wir kämpfen für eine Gesellschaft, in der kein
>Kind in Armut aufwachsen muss, in der alle
> Menschen selbstbestimmt in Frieden,
> Würde und sozialer Sicherheit leben und die
> gesellschaftlichen Verhältnisse demokratisch
> gestalten können.

Das klingt schön – das gefällt jedem.
Und ist damit leider beliebig.

Aber Politik ist die Kunst, Wege zu zeigen, wie man die Welt „besser macht“ –
statt nur zu proklamieren, sie sollte bitte „besser sein“?

> Um dies zu erreichen, brauchen wir ein
> anderes Wirtschafts- und Gesellschaftssystem:
> den demokratischen Sozialismus.

Und schon kommt der Absturz!
Hat man vorher noch gesagt, man „suche“, man wolle „erarbeiten“, weiss man urplötzlich die Lösung.

Wo ist das „selbstbestimmt“ geblieben?
Wo werden, in dieser Zielvorstellung der „Linken“, die Menschen bleiben, die mit diesem „Wirtschaftssystem“ vielleicht nicht „glücklich“ sind, aber durchaus zufrieden?
Menschen, die sich „Verbesserungen“, „Korrekturen“ nicht verschließen, aber die Marktwirtschaft als  –  vielleicht nicht ideale –  aber praktikable und freie Wirtschaftsform akzeptieren!

Wo ist der „Kampf um neue Wege“ wenn das Ziel fest steht?

Das Ziel, eben diesen  „demokratische Sozialismus“, den alten schwarze Schimmel der „Linken“, oft angekündigt, nie gesehen, endlich durchsetzen zu können, durchweht urplötzlich,  die bis dahin nach „freiheitlich demokratischen Grundordnung“ riechenden Präambel.
Ein Ziel, getragen von der Hoffnung, dem kranken Patienten „Sozialismus“ mit der Medizin
„demokratisch“ wieder auf die Beine zu helfen.

Die uralte Frage – Revolution oder Reform, hier bricht sie sich Bahn. Hier in der Präambel zum Parteiprogramm.

Sie bricht sich an der Frage, „Können  -Wirtschaftssysteme-  überhaupt glücklich machen? Können sie nicht nur den Rahmen geben, in dem der Einzelne sein Glück, meist durch eigene Leistungen, finden kann?

Mit dieser traditionellen Formel
(„
anderes System … wir brauchen  -demokratischen Sozialismus- „)
wiederlegt sich der Text nicht nur selbst, er grenzt auch hoffnungsvoll die Gruppen der eigenen Partei aus, die durchaus bereit sind, sich mit der Marktwirtschaft zu arrangieren.

> Wir wollen die großartigen Ideen, die Visionen und
> schöpferischen Kräfte der Menschen für überzeugende
> politische Vorhaben nutzen, um Hunger und Armut zu
> überwinden, um die Folgen des Klimawandels und der
> Umweltkatastrophen in den Griff zu bekommen.

Rührend und niedlich zugleich.
Leute, folgt uns –
und Hunger, Arbeit, Klimawandel –
alles wird gut!
Es wird gut weil WIR (die Partei), die
schöpferischen Kräfte der Menschen
für überzeugende
(UNSERE) politische Vorhaben nutzen

Glaubt die Partei das selbst?
Ist das ein Glaubenssatz, vergleichbar mit der christlichen Hoffnung auf „Erlösung“ am Tage des „Jüngsten Gerichts“, oder ist es eine verzagte Selbstversicherung?

Der Versuch die Dämonen der erfolglosen Gegenwart mit den Zauberformeln einer nur im Rückblick „rosigen“ Vergangenheit zu zähmen, kann nicht gelingen.

> Wir wollen die gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse verändern und ringen
> um eine andere Politik.

Interessanter Punkt.
Will man wirklich die „Kräfteverhältnisse“ ändern, oder die Köpfe austauschen.
Will man das Verhältnis von Staat und Bürger, oder das Verhältnis der Partei zum Bürger ändern.
Will man „Oben und Unten“ abschaffen, oder nur die  „Oben“ austauschen?

Oder finden sich hier erste Selbstzweifel der Partei?
dass dieses
„ringen um eine andere Politik“,
der bitteren Einsicht geschuldet ist, mit den magischen Beschwörungsformeln des neunzehnten Jahrhundets keine Politik für das einundzwanzigste Jahrhundert machen zu können?

> Demokratie, Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit, Internationalismus
> und Solidarität gehören zu unseren grundlegenden Werten.

Der Unterschied zwischen „Werte“ und „Ziele“  –  hier tritt er klar zu Tage.

„Freiheit“ und „Gerechtigkeit“ gibt es in dieser Substantivierung eigentlich nicht.
Unfreiheit und Ungerechtigkeit sehr wohl, aber Freiheit und Gerechtigkeit
gibt es nur relativ zur Entfernung von Unfreiheit und Ungerechtigkeit.
Das mag philosophisch klingen, ist aber auch geschichtliche Erfahrung.

Beides kann man nicht verordnen,  nicht erzwingen, festschreiben auch nicht.
Man kann immer nur die Grade von Freiheit und Gerechtigkeit verbessern in dem man die „Verhältnisse“ verbessert.

Demokratie ist im Grunde eine Kulturtechnik, Gleichheit eine interessante Illusion (wenn sie nicht vom Anspruch her schon als Horror auftritt, als Gleichmacherei eben). Gleichheit vor dem Gesetz ist die Grundlage unseres Rechtsstaates, aber schon die viel zitierte „Chancengleichheit“ (im Bildungswesen) kann immer nur pädagogischer Anspruch sein, nie ein wirklich erreichbares Ziel.
Es muss unsere Hoffnung sein, die zweifellos vorhandene „Ungleichheit“ sinnvoll zum Nutzen der Gesellschaft (und natürlich des Einzelnen) zu fördern, in der Erwartung, dass sich Fähigkeiten und Fertigkeiten ergänzen und die Chancen auf Glück „gleicher“ werden in der Ungleichheit der Vorraussetzungen.

 

Solidarität
Internationalismus

Solidarität ist der Versuch der Verbrüderung mit dem Nachbarn, mit denen die ich kenne, die ich einschätzen kann, wo ich Empathie empfinde.

Internationalismus – diese Idee der Solidatität jenseits von Landesgrenzen, diese christliche Idee „ alle Menschen sind gleich (vor Gott) “, der bei aller Entschlossenheit zur Gleichheit immer auch ein Moment des Kolonialismus inne wohnt, diese Idee die Außenpolitik bestimmen könnte, ist die in einem Wahlkampf der „innen“ die Befindlichkeit der Wähler abfragt

Dieser Anspruch ist schön. Gleichzeitig haftet ihm etwas … „naives“ an.

Jedes dieser sechs Worte der Aufstellung steht nicht nur in Konkurrenz zu seinen Nachbarn, sondern beinhaltet auch in sich einen Konflikt – sein eigenes Definitions- und Gültigkeitsproblem.

Generationen deutscher Humanisten sowie Gymnasiallehrer haben sich mit dem Begriff „Freiheit“ (von / für / bis wo) geplagt, wann ist „Gleichheit“ Nivelierung, wann Anspruch, wann Fluch, mit keinem der anderen vier aufgeführten Begriffe ist es anders.

Also … der Anspruch ist nett – die Wahrscheinlichkeit bei derart schlecht strukturierter Ausgangslage zu einem tragbaren Konzept zu gelangen, ist eher gering.

> Sie sind untrennbar mit Frieden, Bewahrung der Natur
> und Emanzipation verbunden.

Diese Aussage ist dogmatisch.
Sie drückt vielleicht einen Willen aus, nicht aber eine realistische Weltsicht. Es ist eine alte „sozialistische Unart“ Verbindungen – wie man sagt „auf zu zeigen“ ohne auch nur den Versuch zu machen die These zu begründen.
Hier wird versucht, mit sprachlichen Mitteln inhaltliche Diskrepanzen zu überlagern.
Erstsemester kommen damit nicht durch – Politiker auch nicht.

> Wir kämpfen für einen Systemwechsel, weil der Kapitalismus, der auf
> Ungleichheit, Ausbeutung, Expansion und Konkurrenz beruht,
> mit diesen Zielen unvereinbar ist.

Wenn man das länger auf sich einwirken lässt, wird einem klar, wie sehr der Sozialismus am „Wesen der Welt“ leidet.
Ungleichheit kann man nicht „abschaffen“, man muss sie integrieren. Bestenfalls.

Vor Ausbeutung kann man nur schützen, wenn man sie als existent anerkennt, egal in welchem System. Ausbeutung ist die Folge von Macht – selbst die Antworten der Anarchisten haben bis heute nicht überzeugt.
Expansion und Konkurrenz sind janusköpfige Synonyme für Forschung, Entdeckung und Wettbewerb, für die Sehnsucht des Lebens nach „mehr“.
Sie sind Teil dessen, was wir als „Wesen des Lebens“ bis heute nicht wirklich begriffen haben.

>Wir haben uns  zusammengeschlossen zu ….
> … suchen wir nach alternativen Lösungen und
> gesellschaftlichen Alternativen.

 

Eine Zusammenfassung der Thesen von zuvor, der Text zitiert sich.

> Wir wollen eine Gesellschaft des demokratischen Sozialismus
> aufbauen, …..  die den Kapitalismus überwindet.

 

Politik als Beschwörungsformel.
Irgendwie „romantisch“  –  aber alternativ nicht wirklich.

* * *

Eine Welt die aus Worthülsen Forderungen ableitet – kann nur unmenschlich sein.
Das ist der berühmte „Schlaf der Vernunft“ der die Ungeheuer von Diktatur und Unfreiheit erschafft, ohne das Versprechen  „Brot für alle“ jemals einlösen zu können.

Ein schöner wilder Traum, in dem sich die Angst vor dem bösem Erwachen selbst träumt.
Das „Soziale“  braucht Herz. Herz um mit den Menschen zu fühlen.
Aber auch „Auge“.
Um die Welt zu sehen – und die Folgen des eigenen Wirkens
Beides scheint mir in der Präambel der „Die Linke“ verbesserungswürdig.

(Link zu Teil 1: http://sozial-demokratisch.de/2017/08/21/die-seele-der-linken/ )

 

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