Turbo-Radikalisierte, verzweifelte Klein-kriminelle, postmortem bezahlte Auftragskiller oder Menschen mit psychischer Störung beim erweiterten Suizid?

Stellen wir uns folgenden Zeitungsartikel vor.
In Bonn, in der Nähe des alten Bundestages, müssen fast alle Männer über fünfzig gefüttert werden.
Zugegeben, sie füttern sich selbst, sind also „selbst-fütternd“, zugegeben, das könnte das man auch schlicht „essen“ nennen, aber  im Zusammenhang mit „Bonn“ der ehemaligen, wenn auch „provisorischen“ Bundeshauptstadt macht „füttern“ mehr her.
Wie ich drauf komme?
Jüngste Attentate, sei es in Frankreich, Deutschland oder den USA, bei denen der IS-Zusammenhang nicht mit einer größeren „Vernetzung“ (heute oft ein anderes Wort für „Verschwörung“) des „Islamischen Staates“ in Zusammenhang gebracht werden kann, werden von Tätern begangen, für die unsere politische Klasse das Wort „selbst-radikalisierend“ erfunden hat. neuerdings auch gerne „Turbo-Radikalisierte“ oder „Express-Radikalisierte“.
Beide Worte, das „füttern“ wie das „selbstradikalisieren“ machen mehr her, als es die jeweilige Situation eigentlich her gibt, machen Aufsätze dazu aber medientauglicher, den Autor zum Terrorfachmann.
Sie machen banales -headline-kompatibel-, machen Tat und Täter interessanter als sie sind.
Schade.

Diese Menschen, die zukünftigen Attentäter, betrachten ihr eigenes Leben voller Selbsthass und Angst und kommen zu einem folgenschweren furchtbaren Schluss.
Oft sind es schlicht Kleinkriminelle, manchmal auch in ihrer Psyche von Flucht und Krieg mehrfach deformierte Menschen, vom Entwicklung oder Alter her Kinder, meist jeder Religion fern wenig Empathie mit anderen aber voller Hass und Angst.
Das kann äußere Gründe haben, kann aber auch im Menschen angelegt sein, sich lediglich einen Auslöser suchen.

Wir können den Irrsinn nicht begreifen und wir … sollten darüber froh sein.
Wer kann den ernsthaft von sich sagen, verstehen zu können was in einem Anders B. Breivik vorgegangen ist, was in dem Kopiloten A.Lubitz der 2015 die Germanwings-Maschine zum Absturz brachte.
Die, die von sich behaupten „das gut verstehen zu können“, die sollten wir liebevoll aber sehr kritisch beobachten und vielleicht besser nicht aus den Augen verlieren.

Glauben, der ihrem bisherigen Leben hätte einen Halt geben können, da sie ihn in sich selbst nicht finden konnten, ist ihnen fremd oder auf langem Weg verloren gegangen.
Und es sind die „Loser“ die jede Gesellschaft kennt. Die, für die Glück immer „woanders“ ist, und Erfolg der eigentlich unverdiente aber immer erhoffte Glücksfall
Die ewig zu kurz gekommenen, die an ihrer eigenen Welt gescheiterten.
Die, die nie ihr Handeln mit den Regeln ihrer Gesellschaft haben in Übereinstimmung bringen können, die nie ihr Leben selbst verantworten wollten, die nie gelernt haben Verantwortung für ihr Handeln zu tragen.

Sie beschließen andere Menschen, sogenannte Ungläubige, zu ermorden.
Es fällt mir schwer zu sagen, dass sie das vor sich selbst mit „Religion“ begründen. Zwar scheinen einige das selbst zu meine, aber wird es dadurch richtig?
Ich glaube, Worte wie Auslöser oder auch „Vorwand“ wären besser angebracht als die Suche nach religiösen Gründen für unmenschliche Taten.
Sie ermorden Unschuldige die sie „Ungläubige“ nennen.
Oft sind die Oper Menschen ihrer eigenen Religion. Manchmal einer anderen Auslegung der eigenen Religion, aber meist wohl haben die Täter kein wirkliches Interesse daran an was die Opfer glauben.
Religion interessiert die Täter nicht wirklich. Religion ist für sie nur ein klangvolles Word, ein Argument, ein Vorwurf.
Religion als als Handlungsvorschlag für ein erfülltes eigenes Leben kennen sie nicht, Religion ist hohles Alibi für moralfreies Handeln.

Religion ist es also nicht, aber vielleicht das verlockende Angebot des IS.
Nicht das Angebot für Abenteurer und skrupellose Polit–Hooligans, die morden, vergewaltigen und rauben und zerstören, sondern das Spezialprogramm für „Loser“.

Der IS bietet den Verlierern eine Chance aus ihrem verpfuschten Leben scheinbar sauber raus zu kommen. Die eigene Zukunftserwartung wird von den zukünftigen Attentätern pessimistisch bewertet – man hat weder gesellschaftliche Anerkennung noch wirtschaftlichen Erfolg. Selbst- und Fremdwahrnehmung klaffen eklatant auseinander.

Der IS dagegen verspricht Dreierlei.
Erstens „Erfolg im Himmelreich“, das hilft dem naiven Romantiker, zweitens angebliche Anerkennung in der Gemeinde,  – das besänftigt das gekränkte Ego – und drittens großzügige Unterstützung der eigenen Familie bzw. Verwandtschaft bei erfolgtem Anschlag. Das hilft gegen Schuldgefühle wegen der eigenen verkrachten Existenz.
Für Attentäter wie für den sogenannten Islamischen Staat die typische „win-win-Situation. Man legt Geld auf den Tisch, man schadet dem „Feind“ und man ist sogar (aus Sicht der Auftraggeber) schwer steuerbare Fanatiker und – bewußt platt gesagt – die Versager los.

Selbstmordattentäter sind bezahlte Killer mit geringer Intelligenz oder kranker Psyche, im Dienste skrupellos zynischer Führer die mit religiösem Argument einen egozentrischen Gottesstaat mit sich selbst als Führungsschicht aufbauen wollen.
Nichts neues, nichts originelles – nicht was wir in irgend einer Weise tolerieren sollten.

Es sind Religions-Autisten, selbstverliebte kriminelle Versager, die es selbst als Gesetzesbrecher zu nichts gebracht haben.

Es ist das eigene Ego das bei ihnen ausschließlich zählt. Mehr als jede Jenseitsverheißung oder vermeintlich politisch-religiöses pathetische Gotteskriegertum.
Sie bringen Leid über ihre Opfer, über die Familien der Opfer – und letztlich über alle Brüder und Schwestern der eigenen ethnischen oder religiösen Gruppe, die durch ihr Handeln zu Opfern von Misstrauen und Hass in der ganzen Welt werden.

Warum versuchen wir in den Vorgang der „Radikalisierung“ der psychologisch mehr als durchschaubar ist, unbedingt einen „passiven“ Aspekt hinein zu bringen indem wir von „Selbstradikalisierung“ sprechen so als wenn es eine Infektion sei und keine freiwillige intellektuelle und emotionale Selbstverstümmlung?
Warum entlasten wir, was sicher „erklärbar“ ist, aber unentschuldbar bleibt?
In der Überschrift wird gefragt nach Turboradikalisierten, verzweifelten Kleinkriminellen, postmortem bezahlte Auftragskillern oder Menschen mit psychischer Störung. Eine Frage die sich mit jedem einzelnen Fall neu stellt und die fast nie eindeutig beantwortet werden kann.
Vielleicht muß sie das auch nicht, denn jede Hoffnung die „Ausnahme“ zuverlässig durch Vorbeugung vermeiden zu können ist letztlich töricht.
Abschließend sei gesagt, es sind Schnittmengen der Begriffe möglich. Jemand kann Auftragskiller sein und gleichzeitig psychisch gestört, kann religiöser Fanatiker sein und Krimineller, kann „verführt“ sein und ein krankes Ego haben.

Jeder der andere Menschen mordet ist letztlich krank – ist gefährlich und gleichzeitig in sich gefangen.
Wir schauen in keinen Menschen hinein, wir wissen bestenfalls was Menschen sagen, gesagt haben – von sich selbst meinen.
Für die Polizeiarbeit und für die Verbrechensverhinderung ist es wichtig zwischen Terror, Amok und Suizid zu unterscheiden, den Opfern und ihren Angehörigen wird es letztlich egal sein.
Wir brauchen Integration, wir brauchen „Mutmacher“ für alle denen es an Mut fehlt – und wir brauchen viel Kraft um die Fehlschläge unserer Bemühungen zu ertragen.

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